Niedergang

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"Niedergang" ist eine kurze Passage, die vor dem Hintergrund mehrerer meiner Charaktere von Bedeutung gewinnt. Erst im Zusammenspiel mit anderen (hier noch nicht veröffentlichten oder noch nicht geschriebenen) Kapiteln formt sich ein verständliches Ganzes; ich hoffe jedoch, dass der Leser trotzdem seinen Spaß hat.

Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass der Text nicht einer gewissen Grausamkeit entbehrt und von einigen Personengruppen vielleicht besser übergangen werden sollte.

--Hammerfaust 00:05, 22. Mai 2008 (CEST)




Charaktere
Unghor Schattenhand (NSC)
Korm Blutesser (NSC)


Niedergang

Als der Krieger den Raum betrat, saß Unghor Schattenhand an seinem hölzernen Schreibtisch und kehrte ihm den Rücken zu. Die Gestalt des alten Zwerges war gebeugt und obschon wogende Schatten ihn zu umgeben schienen wie ein unwirklicher Nebel, wusste der Neuankömmling, dass seine Macht weiter schwand. Ihn konnte er nicht täuschen mit seinem Blendwerk.

"Du solltest deine Kraft nicht an brüchiges Pergament vergeuden." Deine letzte Kraft, fügte er in Gedanken hinzu. "Dein Mitgefühl ist rührend und deine Besorgnis genauso wahrhaftig wie meine ungebrochene Macht, Korm Blutesser." Die Stimme des gebeugten Zwerges war weder so tief noch so voll wie die des anderen, klang sogar ein wenig heiser - doch lag in ihr eine Überlegenheit, die einem binnen weniger Augenblicke jede Selbstsicherheit rauben konnte. Auch Korm ertappte sich dabei, wie er innerlich in Abwehrstellung ging. Doch sein Gegenüber lachte nur heiser auf, um gleich danach von einem Hustenanfall geschüttelt zu werden. Der Krieger trat näher. "Du hast nach mir gerufen?"

Unghor, vom Husten noch zusammengekrümmt, schaute zu ihm auf und einmal mehr sah er nur noch aus wie ein alter, dahinsiechender Mann. Klein, verbittert, mit keiner Waffe mehr außer einer scharfen Zunge... Wie um diesem Bild zu widersprechen, erhob sich der Zwerg ruckartig, wider Erwarten mühelos und richtete sich auf. Er überragte den Jüngeren zwar um einige Finger breit, doch konnte er es an schierer Masse nicht annähernd mit ihm aufnehmen.

Einen Moment sahen sich die Zwerge in die Augen und es schien, als würden sie einen Kampf ausfechten. Doch dann wandte der ältere den Blick ab, machte einige Schritte an seinem Gast vorbei und stützte sich schwer auf den kleinen, steinernen Altar am Ostende seiner Kammer. "Gibt es Neuigkeiten von ihr?" Korm war der Bewegung mit einer Drehung gefolgt und sprach nach kurzem Zögern ruhig aber eindringlich: "Es ist ein Fehler. Du musst sie vergessen! Was hält dich an ihr?" - "Beantworte du zuerst meine Frage!" Die Stimme des Alten klang scharf, aber auch erschöpft. "Nein, es gibt keine Neuigkeiten." Auch wenn er von hinten keine Regung erkennen konnte, meinte der Krieger doch, ein Seufzen zu hören. "Unghor Schattenhand, sie war und ist ein Fehler!" wiederholte er, diesmal mit mehr Nachdruck.

Unghor fuhr herum und in seinen roten Augen glühte ein Feuer, dass es den Krieger zurückweichen ließ. "Erzähl du mir nicht, was ich zu tun oder zu lassen habe, Korm Blutesser – und wage es nicht, meine Urteilskraft in Frage zu stellen!" zischte er. Seine Finger zuckten und jedes mal, wenn sie das taten, verdichteten sich die Schatten einen Moment lang um seine Hände herum. Sollte er die Beherrschung vollends verlieren, würde Korm sehr schnell sein müssen, um ihn zuerst zu erwischen. Und er war sich nicht sicher, ob er wirklich schon dazu in der Lage war, ob der Schattenbändiger wirklich schon so viel an Kraft eingebüßt hatte. Trotzdem solltest du dich nicht mit mir anlegen, alter Mann, dachte er grimmig und erwiderte den lodernden Blick des anderen mit eisiger Kälte. Das Feuer flackerte zwar bald und fiel in sich zusammen, doch wusste er, Glut erlosch nicht schnell und war heißer und tückischer als die Flamme selbst. Unghor drehte sich wieder von ihm weg. "Es war kein Fehler. Sie hatte meine Lust geweckt und es hat mir viel Vergnügen bereitet, ihren Willen zu brechen." Ob du heute wohl noch dazu in der Lage wärst? ging es dem anderen durch den Kopf. "Niemand hatte erwartet, dass das Weib schwanger würde, am wenigsten ich selbst. Du hast keine Ahnung, wie viele Frauen mir in meinem Leben angeboten worden sind und wie viele sich mir angeboten haben, in der Hoffnung, meine Saat würde den Schatten in sich tragen und ihre Brut zu meinesgleichen machen... Sie fanden es nie heraus, denn es gelang mir nicht, auch nur eine einzige von ihnen zu befruchten." Der alte Zwerg ballte die Hände zusammen. Korm glaubte, seine Gram verstehen zu können. Der Dienst am Weib war ein kurzer, verglichen zu Wachgängen, Raubzügen und Schlachten und doch war er nicht weniger wichtig für den Fortbestand ihrer Rasse. Jeder Mann, der etwas aus sich hielt, wollte auf allen Schlachtfeldern seinen Triumph feiern. Er selbst hatte bereits einige Bastarde gezeugt, auch wenn er sie nie zu Gesicht bekam. Sie waren ihm an sich egal, doch ihre Existenz allein war ein weiterer Beweis seiner Kraft und der ihm entgegengebrachten Anerkennung. Nur wer sich in irgendeiner Weise hervorgetan hatte, dem wurden eine oder mehrere Frauen gestattet. Dieses Gefühl war Unghor immer verwehrt geblieben. Und dann war es bei einer hellen Sklavin passiert...

"Ich habe sie dabei ertappt, wie sie sich töten wollte. Es war mir eine Freude, ihre erbärmliche Existenz zu verlängern. Als ich sie das nächste Mal erwischte, wie sie Hand an sich legte, verstand ich zunächst nicht, was sie tat und sie wollte es mir nicht sagen. Ich musste tief in ihren Geist eindringen und selten in meinem Leben bin ich dabei auf so viel Widerstand gestoßen – doch dann fand ich heraus, worum es ging: sie wollte ihr ungeborenes Kind töten, um ihm zu ersparen, was es auf der Welt erwartete. Allein schon dieser verzweifelte Wunsch war es mir wert, sie am Leben zu erhalten... sie beide am Leben zu erhalten." Du bist ein komischer Kauz, Unghor. Die Frau war es nicht wert und hätte auf der Stelle sterben sollen. Hast du schon damals nicht mehr gesehen, wann deine Grausamkeit auf dich zurück schlägt? Wann du dir selbst mehr schadest, als es der kurzfristige Genuss wert ist? "Ich ließ von ihr ab, hielt sie aber eingesperrt, vor den Augen der anderen verborgen und brachte ihr alles, was sie benötigte. Ich brauchte sie fortan nicht einmal mehr foltern, das übernahm sie selbst. Du hättest sie sehen sollen... wie sie mit ihrem eigenen Leib sprach und das Kind überreden wollte, zu gehen. Sie weinte, schrie, tobte – aber ich hatte dafür gesorgt, dass sie nicht mehr Hand an sich legen konnte. An sich nicht und an ihr Kind nicht. Und ihr Körper war zu robust, als dass er ihr von allein den Gefallen getan hätte, zu versagen. Ich hatte stets ihren Geist geschunden, nicht ihren Körper. So war mir die doppelte Freude lange erhalten geblieben." Obwohl die Stimme des Erzählenden vor allem müde klang, glaubte Korm, eine ferne Sehnsucht in ihr zu hören. Tatsächlich brachte die Grausamkeit, von der ihm der Alte berichtete, auch sein Blut in Wallung. Er selbst hatte sich schon an vielerlei Geschöpfen vergangen, je nach Lust und Laune auf immer andere Art und Weise, doch befriedigte er sich stets mit roher, körperlicher Gewalt – derart perfide war sein Vorgehen noch nie gewesen. Und eine Zwergenfrau hattest du auch noch nie, ergänzte er in Gedanken bedauernd. Dafür kämpfte er an der falschen Front. Er wusste, warum er zu Unghor Schattenhand aufsah.

"Zu guter Letzt, als die Niederkunft bevorstand, flüsterte sie ihrem Ungeborenen ein, dass es immer gegen die Unterdrückung kämpfen sollte, was auch immer ihm angetan würde. Da wusste ich, wie ich fortfahren musste: Ich entriss ihr den Balg gleich nach der Geburt und trug Sorge, dass sie in die Aufzucht kam, um eine von uns zu werden." Ein Fehler. Sie hätten dich damals verstoßen oder getötet für diesen Schritt, hätte deine Erfolge nicht für dich gesprochen. Du hast damals viel eingebüßt an Respekt und Ehrfurcht dir gegenüber, ohne es überhaupt zu merken. Du warst viel zu verblendet durch deine Besessenheit von den beiden...

Korm schüttelte sich und beendete das Gespräch jäh. "Ich muss zurück, Unghor Schattenhand. Wir haben heute morgen einen Gang genommen und ich muss nach den Befestigungen sehen." Als der andere keine Reaktion zeigte, ging er. Der Schattenpriester starrte weiter ins Leere.